Rachael Kpako (rechts, Sozialarbeiterin) im Gespräch mit Mohamed Kamara.

Weltfrauentag 2019

Macht euch selbst glücklich und wartet nicht darauf, dass es ein anderer tut. Ihr allein seid verantwortlich für euer Glück.“

 

So lautet Rachael Kpakas Rat, den sie gerne Frauen – vor allem in Sierra Leone – mitgeben würde. Am 8. März feiern Frauen seit 1911 den „Internationalen Tag der Frauen“, an dem weltweit auf Frauenrechte und Gleichstellung der Geschlechter aufmerksam gemacht wird. Wir sprachen mit Rachael Kpaka, die für Cap Anamur als Sozialarbeiterin in unserem Schutzhaus für Straßenkinder, dem Pikin Paddy, in Freetown arbeitet, über die Rolle der Frau in Sierra Leone.

Rachael Kpaka ist ausgebildete Krankenschwester, Sozialarbeiterin und alleinstehende Mutter von zwei Mädchen im Teenageralter. Sie arbeitet seit 2012 für Cap Anamur und hat davor schon mit Straßenkindern beim Sozialamt gearbeitet.

 

Cap Anamur: Warum hast du dich für die Arbeit mit Straßenkindern entschieden?

Kpaka: Die Arbeit mit Straßenkindern ist meine ganze Leidenschaft. Mein Ziel ist es ihnen ein kindgerechtes Leben, Hoffnung und die Chance auf eine bessere Zukunft zu geben.

Die Arbeit ist enorm anstrengend. Viele der Kinder haben eine unvorstellbar grausame Vorgeschichte und häufig braucht es viel Zeit und lange Gespräche, um die Einstellung und das Denken der Kinder in eine andere Richtung zu lenken und ihnen ein Selbstbewusstsein zu geben. Da sind vor allem Geduld und viel Einfühlungsvermögen notwendig. Mit den Kindern zu lachen gehört genauso dazu, wie mit ihnen zu weinen. Und auch wenn ich wirklich schon eine Menge Geschichten gehört habe, muss ich bei vielen Geschichten, die mir die Kinder erzählen, wenn sie hier ankommen, sofort mitweinen.

Ich bezeichne mich selbst gerne als „Change-Agent“. Die Kinder in Sierra Leone erfahren in vielen Fällen niemals Liebe durch die Familie. Ich habe diesen Weg gewählt, um den Kindern Liebe, Glaube und Hoffnung zurückzugeben.

Cap Anamur: Welchen Rat hast du für Frauen – speziell auch in Sierra Leone?

Kpaka:Frauen müssen und sollen stark sein. Sich müssen sich auf sich selbst verlassen und nicht auf irgendwelche Männer. Natürlich ist es schön und auch um einiges leichter einen Ehemann an seiner Seite zu haben, doch für sich selbst und auch für ihre Kinder sollte jede Frau unabhängig und selbstständig sein können.

Steht für euch selbst ein, macht aus euch eine selbständige, selbstverantwortliche Frau. Im Leben gibt es stetig Veränderungen – positive sowie negative – seid stark und nicht voller Selbstmitleid, arbeitet hart und seid am Ende auf euch selbst stolz.

Macht euch selbst glücklich und wartet nicht darauf, dass es ein anderer tut. Ihr allein seid verantwortlich für euer Glück.

Cap Anamur: Wie würdest du die Frauen in Sierra Leone beschreiben?

Kpaka:Die Frauen in diesem Land waren lange Zeit ohne Stimme, kraftlos und hoffnungslos. In den letzten Jahren treten sie jedoch immer mehr in den Vordergrund und übernehmen Verantwortung. Mittlerweile übernehmen Frauen sogar die Rolle des Chiefs, das ist vergleichbar mit dem Amt des Bürgermeisters in den anderen Ländern, in den Ortschaften hier.

Frauen sind die wahren Helden in Sierra Leone: Sie sorgen für die Kinder, für den Unterhalt, arbeiten hart, machen den Haushalt und müssen dann häufig noch nachts den Männern zur Verfügung stehen. Frauen in Sierra Leone waren lange Zeit vor allem hart arbeitende Sklaven.

Aber immer mehr Frauen entfliehen dem, gehen zur Schule und studieren, sind Managerinnen in der Bank und übernehmen sogar einige wenige Aufgaben in der Politik.

Aber es liegt in noch immer ein langer Weg vor den Frauen in Sierra Leone.

Cap Anamur: Was wünschst du dir für die Frauen?

Kpaka:(diese Antwort kam mit einem strahlenden Lächeln und ohne eine Sekunde darüber nachzudenken) Eines Morgens würde ich gerne aufwachen und eine Frau ist Präsident von Sierra Leone.

Cap Anamur: Was wünschst du dir für die Straßenkinder?

Kpaka:Dass kein Kind mehr auf der Straße leben müsste, sondern in einem liebevollen Umfeld aufwachsen könnte. Auch wenn dies natürlich meine Arbeit hier im Pikin Paddyüberflüssig machen würde: Das wäre mein größter Wunsch.